#moinVIELFALT in Hamburg:

Vielfalt der geschlechtlichen Identitäten

Sichtbarkeit, Akzeptanz und Unterstützung in der Schule

Schulen sollten Orte sein, in denen sich alle Schüler:innen gestärkt und unterstützt fühlen. Dazu zählt auch ein wertschätzender Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt. Gerade in aktuellen Debatten um das neue Selbstbestimmungsgesetz zeigen sich jedoch allgemeine Unsicherheiten im „korrekten“ Umgang: Welche Begriffe kursieren im Gespräch über geschlechtliche Identität und was bedeuten sie? Wie können pädagogische Fachkräfte Trans*, Inter* und nicht-binäre Schüler:innen unterstützen und begleiten? Wie können Schulen LGBTQ-freundlich gestaltet werden?


In der fünften Veranstaltung des digitalen Austauschformats #moinVIELFALT – ein Angebot für Lehrkräfte und Schulleitungen in Hamburg – hatten wir Besuch aus dem Landesinstitut für Lehrkräftebildung und Schulentwicklung (LI). So referierte Beate Proll, Leitung der Abteilung „Beratung – Vielfalt, Gesundheit und Prävention“ am LI, zum Thema Geschlechtsidentität und tauschte sich mit den Teilnehmenden über Möglichkeiten der geschlechtssensiblen Schul- und Unterrichtsentwicklung aus. Dazu führte sie die Teilnehmenden in die rechtlichen, fachlichen und praktischen Dimensionen der geschlechtlichen Identität ein und lieferte im anschließenden gemeinsamen Gespräch Tipps für die Praxis. 

„Es ist Aufgabe der Schule, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen und ihre Bereitschaft zu stärken, […] das eigene körperliche und seelische Wohlbefinden ebenso wie das der Mitmenschen wahren zu können [...]“

(§ 2, Abs.1 HmbSG) 

Mit diesem Ausschnitt aus dem Hamburgischen Schulgesetz eröffnete die Referentin die Veranstaltung. Trotz seiner binären, d.h. in zwei Geschlechter unterteilenden, Formulierung ist dieser Erziehungsauftrag bezüglich seines Inhalts von großer Relevanz und bezieht sich auf alle Schüler:innen – also auch jene, die sich nicht in dieser binären Unterteilung wiederfinden. Insgesamt lässt sich zudem eine positive Entwicklung feststellen, in der einige Länder, darunter Hamburg, offizielle Rahmungen und Aktionspläne entwerfen und somit konkrete Maßnahmen im Kontext diverser Geschlechtsidentitäten für das Handlungsfeld Schule entwickeln. Das Thema ist somit nicht rein individuell oder biografisch zu verstehen, sondern gehört zum schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag dazu. 

Dabei gilt zu beachten, dass die Geschlechtsidentität, entgegen verbreiteter Missverständnisse, klar von der sexuellen Orientierung abzugrenzen ist. Ebenso lassen sich unterschiedliche Wissensstände bezüglich der Vielfalt von Geschlechtsaspekten verzeichnen. Die Referentin betonte in diesem Kontext, dass die in der schulischen Praxis verwendeten Begriffe wie LGBTQI+ oder inter*, trans* oder non-binär unter Berücksichtigung der jeweiligen Adressat:innengruppe unbedingt kontextsensibel und altersgerecht erklärt werden müssen. 

Beate Proll gab den Teilnehmenden weitere Tipps für die pädagogische Praxis in den Schulen an die Hand: 

  • Den Wunsch auf Anerkennung von Vornamen und Geschlecht respektieren 

Diese sollten in jeglichen Kontexten selbstverständlich verwendet werden. Selbstgewählte Personalpronomen können sich dabei vom eingetragenen juristischen Personenstand unterscheiden. Da die Schüler:innendaten in Hamburg elektronisch verwaltet werden und dabei automatisch auf das Personenstandsregister zurückgegriffen wird, kann es so zu Fehlermeldungen kommen. Im laufenden Schulbetrieb gilt es somit, idealerweise unter Einbezug der Sorgeberechtigten, Regelungen zu finden, welche die einzelnen Schüler:innen unterstützen. Derzeit wird insbesondere bei versetzungsrelevanten Zeugnissen noch so verfahren, dass der auf dem Zeugnis vermerkte Name mit dem Personenstandsregister übereinstimmen muss. 

  • Inklusionsprozesse unterstützen 

Die Referentin beobachtet eine Zunahme an Beratungsanfragen zu Fragen der geschlechtlichen Vielfalt. Studien zeigen außerdem das hohe Ausmaß an Ausgrenzung und Mobbing, das trans*, inter* und nicht-binäre Schüler:innen erfahren. Es ist zu berücksichtigen, dass es solche Fälle der Eskalation zwar gibt, jedoch ebenfalls positive Beispiele vorliegen, in denen die Schulgemeinde die geschlechtliche Vielfalt ihrer Mitglieder wertschätzt und unterstützt. Die Thematik sollte deshalb auf keinen Fall von vornherein pathologisiert werden. Wichtig ist vor allem, in akuten Fällen der verbalen und körperlichen Verletzung einzuschreiten. Dazu sind unter anderem themenbezogenes Wissen, ein funktionierendes Antidiskriminierungskonzept und Beschwerdemanagement erforderlich.  

Wichtig zu beachten, seien laut Referentin außerdem folgende Aspekte: 

  • dem Gegenüber die Expertise über Identität und Orientierung selbst überlassen und zugestehen 

  • bedingungslose, positive Wertschätzung und Akzeptanz als Grundhaltung einnehmen 

  • Austausch mit Peers fördern 

Der Vortrag von Beate Proll wurde aufgezeichnet und steht Ihnen nachfolgend zur Verfügung:

Nachfolgend finden Sie weiterführende Informationen und Materialien zum Thema. 


Über die Referentin: 

Beate Proll hat am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) die Leitung der Abteilung Beratung – Vielfalt, Gesundheit und Prävention inne und verantwortet darüber hinaus den Arbeitsbereich Sexualerziehung und Gender am LI. Der Arbeitsbereich unterstützt und berät Schulen und pädagogische Fachkräfte bei methodischen Fragen, Elternbeteiligung, Prävention von sexueller Gewalt und Aids, der Einladung schulexterner Expert:innen, Beratungseinrichtungen sowie Arbeitsmaterialien zum Themenfeld Sexualerziehung. Über folgenden Link gelangen Sie zum Angebot des Arbeitsbereichs: Sexualerziehung Schule Beratung LI Hamburg - Landesinstitut Hamburg. Beate Proll ist außerdem Kooperationspartnerin und Mitglied der Steuergruppe von Vielfalt entfalten – gemeinsam für starke Schulen in Hamburg. 

Beate Prolls Kollegin Jerry Liara Mutlu berät darüber hinaus konkret und passgenau am LI zum Themenfeld der Sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. Sie sind herzlich eingeladen, einen Termin zu vereinbaren und sich z.B. im Kontext eines konkreten themenspezifischen Entwicklungsvorhaben oder Falles beraten zu lassen: https://li.hamburg.de/sexualerziehung/ 


² Anmerkung: Der Begriff transsexuell basiert auf dem binären Geschlechtssystem und bezieht sich auf die Kategorien Mann/Frau. Da der Wortbestandteil "-sex/Sexualität" damit vor allem die körperlichen und nicht die sozialen (gender) Geschlechtsmerkmale betont, sollte der Begriff nur auf Wunsch der betreffenden Person verwendet werden. Alternative Begriffe: Transgender oder Transidentität.

 

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